Warum Schutzräume zu respektieren sind

Und ein Podcast über queere Räume, Männlichkeiten, Ausschlüsse und wem welche öffentlichen Räume gehören

Bei wenigen Themen schlagen die Emotionen derart hoch, wie bei Frauen- bzw. FLINT*-only Räumen, also Treffen, Veranstaltungen oder Demos, welche nur für Frauen sowie lesbische, inter*, non-binary und trans* (FLINT*) Personen offen sind. Die Diskussion ob – oder eher wann – solche Räume angebracht sind, werden in FLINT*-Räumen intensiv und kontrovers geführt. Andererseits erzeugen diese Räume ein für cis Männer sehr ungewohntes Gefühl des „ausgeschlossen seins“, was leider zu teilweise heftigen Anfeindungen durch einige cis Männer gegenüber Feminist*innen führt, die diese Räume verteidigen. Für diesen kurzen Text, der sich mit der Frage, warum Schutzräume zu respektieren sind, auseinandersetzt, habe ich insbesondere Input von Cosmo bekommen. Das wiederum hat zu einem Interview und dem nächsten Podcast geführt, der „öffentlichen Raum“ aus einer trans* Perspektive behandelt. „Öffentliche Räume“ haben wir zur Vereinfachung nochmal in „heteronormative Räume“ und „queere Räume“ unterteilt.

FLINT* only Räume

Wie Kontrovers das Thema ist, wurde mir nochmal vor dem 8. März 2019 / feministischem Streik in Hamburg klar. Die Demo bzw. ein Teil der Demo war nur offen für FLINT*-Personen, was (so wurde mir berichtet) innerhalb des Streikbündnisses zu erheblichen Diskussionen führte. „Wäre es nicht gut, wenn sich alle Menschen für Feminismus einsetzen könnten?“ erscheint als plausibles Argument gegen den Ausschluss von cis Männern. Aber die Möglichkeit sich für feministische Kämpfe einzusetzen gibt es natürlich auch, wenn die Demo am 8. März ohne cis Männer stattfindet. So wurden cis Männer in Hamburg dazu aufgerufen sich am 8. März mit politischen Meinungsäußerungen zurückzuhalten. Stattdessen sollten sie Reproarbeiten übernehmen, wie die Kinderbetreuung und Versorgung mit Streikproviant, damit FLINT*-Personen ihre Meinung auf die Straße tragen können. Dieser Forderung nach einem „cis Männer Support“ in Hamburg habe ich mich angeschlossen. Was mir auch einiges an Kritik durch cis Männer auf Social Media eingebracht hat, da ich „für meinen eigenen Ausschluss votieren“ würde.

Allyship / Verbündetenschaft und die Notwendigkeit Bedürfnisse zu akzeptieren, auch wenn ich sie nicht verstehe

Als ich also einige Wochen vorher mit einer Runde cis Männern zusammen saß, um diesen Support zu organisieren, tauchte die Frage auf nach dem „warum“ brauchen FLINT*-Personen einen FLINT*-only Raum. Das Keiner wirklich eine Antwort wusste, fand ich insofern erstaunlich, als dass doch alle anwesenden cis Männer immerhin so „pro_feministisch eingestellt“ waren, dass sie sich für Kinderbetreuung oder den Abwasch nach dem Streikfrühstück freiwillig gemeldet haben. Einerseits sehr löblich, wenn wir dieses Zitat von Roxane Gay zum Thema Allyship / Verbündetenschaft betrachten:

„Black people do not need allies. We need people to stand up and take on the problems borne of oppression as their own, without remove or distance.

We need people to do this even if they cannot fully understand what it’s like to be oppressed for their race or ethnicity, gender, sexuality, ability, class, religion, or other marker of identity.

We need people to use common sense to figure out how to participate in social justice.“

Roxane Gay – aus Guide to Allyship

Der Text dreht sich um Allyship im Kontext von Rassismus, wo das Konzept ursprünglich herkommt. Ich beobachte regelmäßig eine krasse Konsumhaltung von cis Männern, dass ihnen Dinge, die sie nicht verstehen (gerade wenn dieses Gefühl des „ausgeschlossen seins“ hinzukommt), unbedingt (und sofort) zu erklären sind. Diese Anspruchshaltung hat erhebliches Konfliktpotential vor solchen Räumen. Sich zurück zu halten, auch wenn man nicht alles versteht oder mit allem übereinstimmt, ist sicherlich eine zentrale Fähigkeit für Allys / Verbündete. Das wird auch im Gespräch / Podcast mit Cosmo aufgegriffen.

Der Anspruch von cis Männern, dass FLINT* Personen sich erklären müssen

Zudem machen sich cis Männer leider wenig Mühe, um Argumente für FLINT*-Räume zu verstehen, wie sich einige Wochen nach dem cis Männer Support Treffen gezeigt hat. Da saß ich in einem (sehr guten und kostenlosen) Workshop der antifaschistischen, feministischen Gruppe NIKA, der sich genau mit der Frage, ob FLINT* Räume notwendig sind, auseinandergesetzt hat. Leider war ich der einzige cis Mann und auch sonst war keiner der Kritiker anwesend, die sonst so gerne über die Existenzberechtigung von FLINT*-only Räumen diskutieren. Mal wieder typisch, cis Männer wollen insbesondere auf feministische Veranstaltungen, auf denen sie nicht erwünscht sind. Wenn sie dann eingeladen werden, kommen sie nicht.

Neben der berechtigten Wut, die bei einigen Feminist*innen regelmäßig hochkocht, wenn sie sich den gleichen Argumenten von Männern zum hundertsten Mal anhören müssen, kann ich auch das Gefühl des „ausgeschlossen seins“ von Seiten der cis Männer nachvollziehen. Wir sind es nicht gewohnt irgendwo ausgeschlossen zu werden und die Reaktion sich dagegen zu wehren oder das zumindest verstehen zu wollen, ist nicht ganz überraschend.

Hier sei angemerkt, dass Cosmo mich für diese Aussage kritisiert, da sie auf cis männlicher Sozialisierung beruht und andere Gender nicht derart reagieren. Außerdem ist so ein Verhalten an sich schon gewaltvoll, da es diese Räume nicht akzeptiert und es andere (nicht emanzipative) Frauenräume gibt, in die cis Männer in der Regel nicht rein wollen, da sie ihre Männlichkeit infrage stellen würden (wie z.B. Kosmetikstudios). Und Cosmo hat Recht, diese Einstellung ist inakzeptables Trotzverhalten.

Ausschlüsse in heteronormativen Räumen und das cis männliche Privileg sich nicht mit diesen auseinandersetzen zu müssen

Viele cis Frauen und vielleicht noch mehr trans* Personen werden andauernd aus öffentlichen Räumen durch verschiedene Mechanismen ausgeschlossen. Sei es durch dumme Fragen, beleidigende Sprache, Redeverhalten / Mansplaining, Manspreading, unangenehme Blicke, (die Gefahr von) sexualisierten und anderen Übergriffen usw. Diese Dynamik fällt cis Männern in der Regel gar nicht auf. Zudem gibt es jede Menge Statements von Feminist*innen, die ihre Perspektive zu FLINT*-only Räumen erklären. Wenn ihr euch also fragt, was das soll mit den FLINT*-only Räumen, lest am besten solche Erklärung anstatt zu erwarten, dass es euch erklärt wird.

Wenn cis Männer dann plötzlich durch feministische Türsteher*innen am Einlass in FLINT* Räume gehindert werden, liegt der Eindruck natürlich nahe, dass es sich um etwas wie „Diskriminierung“ aufgrund des Geschlechtes handeln könnte. Die These ist absurd und habe ich schon an verschieden stellen besprochen. Dass sich Männer derart ungerecht behandelt fühlen, liegt insbesondere an ihrer Privilegiertheit (bzw. Privilegienignoranz) und daran, dass sie die sexistische, trans*feindliche, homophobe und anti-feministische Dynamik schlicht nicht mitbekommen, der FLINT* Personen ihr Leben lang ausgesetzt sind.

Schutzräume, Empowerment, Sensibilisierung und Verbündete

Wir Männer sind so privilegiert, dass wir uns aussuchen können, ob wir uns mit Ausschlüssen von FLINT* Personen auseinandersetzen oder nicht. Ich glaube ein zentraler Grund warum FLINT* Räume so wichtig sind, ist folgender: Wie auch im Ansatz Verbündetenschaft / Allyship konzeptualisiert, gibt es zwei Perspektiven auf Sexismus. FLINT* Personen, die im Patriarchat unterdrückt werden, müssen sich ermächtigen (Empowerment). Cis Männer müssen sich Sensibilisieren. Diese beiden Perspektiven „auf Augenhöhe“ in einem Raum zusammenzubringen, ist eine große Herausforderung.

Es wollen und brauchen nicht alle FLINT* Personen Schutzräume. Aber es gibt auf jeden Fall Menschen, die Schutz vor cis Männern in solchen Räumen suchen und die diese Räume brauchen, um ungestört ihre politischen Forderungen zu entwickeln, ohne diese vor privilegierten Personen / cis Männern erklären zu müssen. Warum einige cis Männer diese Arroganz an den Tag legen, diese Räume nicht zu respektieren, kapiere ich nicht. Wieso sollte ich versuchen in einen Raum einzudringen, in dem ich nicht erwünscht bin? Wenn mir jemand sagt, sie*er braucht gerade Raum, wieso reagieren da so viele Männer gekränkt in diesen Situationen? Und was denken Männer, würden sie erreichen, wenn sie sich in einen Raum Zutritt verschaffen, in dem sie nicht erwünscht sind? Ich kann das wirklich nicht verstehen, welche Motivation einen Antreibt.

Cis-Geschlechtlichkeit und Heterosexualität und das Ergötzen an Menschen, die von dieser Norm abweichen

Die Motivation, die ich noch am besten nachempfinden kann, ist Neugierde. Meine eigen Neugierde an anderen Menschen zu befriedigen und dabei noch in ihre Schutzräume einzudringen, ist absolut inakzeptabel. Trans* Personen sind andauernd neugierigen Fragen von cis Personen ausgesetzt. Es wird viel zu häufig als ganz normal empfunden Menschen, die von der hetero- bzw. cis-Norm abweichen nach ihren Geschlechtsteilen oder sexuellen Präferenzen / romantischem Begehren auszufragen. Dabei handelt es sich oft um Fragen, bei denen ganz klar ist, dass sie sehr unhöflich wären, wenn sie an heterosexuelle cis Personen gestellt werden würden.

Wie sich Frauen und Trans*gender in FLINT* Räumen im Vergleich zum „normalen“ öffentlichen Raum fühlen, haben die wenigsten Männer auf dem Zettel. Um dieser Fragen bzw. Cosmos Erfahrungen mit unterschiedlichen Räumen in Berlin dreht sich der Podcast. Mit „normalen“ Räumen meinen wir Räume, in denen einerseits auch cis Männer anzutreffen sind (und daher leider eine permanente Gefahr von ungewollten und beabsichtigten Übergriffen besteht). Im öffentlichen Raum sind cis-Geschlechtlichkeit (also das binäre Geschlechtssystem) und Heterosexualität die „dominante Norm“. Daher beschreiben wir diese Räume als „heteronormative Räume“.

Heteronormative und queere Räume

Wir werden in dem Podcast weiter differenzieren, zwischen FLINT* Räumen, die natürlich auch heteronormativ geprägt sein können, wenn heterosexuelle cis Frauen die große Mehrheit in diesen Räumen stellen und in denen z.B. auch Übergriffe gegenüber Trans*gender, nicht-binären Personen oder lesbischen Frauen passieren können. Räume, in denen cis Geschlechtlichkeit und Heterosexualität wiederum nicht „die Norm“ sind, bezeichnen wir zur Vereinfachung als „queere Räume“. „Queere Räume“ wiederum können sowohl FLINT*-only Räume sein, können aber auch für cis Männer offen sein. Die Anzahl an unterschiedlichen Räumen und die Frage, wer sich wo wie wohlfühlt bzw. überhaupt rein gelassen wird, ist also schwer zu überschauen.

Daher freue ich mich umso mehr über das Gespräch, dass ich mit Cosmo, der übrigens bei Instagram unter dem Namen Cosmosophic zu finden ist, führen konnte, der natürlich auch nur aus seiner eigenen Perspektive als queerer trans* Mann in Berlin erzählen kann. Im deutschen bevorzugt Cosmo das Pronomen „er“, während er in englischsprachigen, queeren Räumen das Pronomen „they“ vorzieht. Dabei raus gekommen ist ein wirklich lehrreicher Podcast, den ihr euch hier anhören könnt:

Podcast zu heteronormativen, queeren und FLINT*-only Räumen.

Hier könnt ihr übrigens den Podcasts abonnieren: Podcasts zum Thema Kritische Männlichkeit per Mail oder App


Bild: Selbstportrait von Cosmos: www.instagram.com/cosmosophic/


Die fünf neusten Beiträge:

Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit.

2 Kommentare zu “Warum Schutzräume zu respektieren sind”

  1. Pro-Feministisch ist dieser Beitrag IMO nicht! Als Mann will ich hier natürlich nicht definieren, was feministisch ist und was nicht. Ich stimme mit der Sichtweise der Radikal-Feministinnen überein, die da keine Männer in IHREN Räumen wollen. Das ist vor allem bei TRA’s (Trans-Aktivisten; in der Regel ausschliesslich Männer) in den letzten Jahren ein grosses Problem geworden. Diese Männer respektieren reine Frauenräume nicht und es scheint zu ihrem Fetish zu gehören Lesben zu belästigen. In deinem Newsletter und Blog bist du skeptisch Männer auszuschliessen, was diskussionswürdig ist. Allerdings setzt du selbstverständlich voraus, dass Frauen diese TRA’s und MRA’s (ist im Prinzip das Gleiche) in ihren Räumen akzeptieren (müssen).
    Und genau da liegt auch schon das Problem. Wir Männer haben gar nichts zu fordern, zu unterstellen oder zu bestimmen was den Feminismus betrifft! Wir Männer haben mehr als genug Möglichkeiten etwas gegen diese grausame patriarchale Gesellschaft zu unternehmen. Das fängt natürlich bei uns selbst an, denn wir sind die Verursacher derselben.
    BTW, solche Begriffe wie „cis“ empfinden viele Frauen als beleidigend, sobald sie wissen wer sie erfunden hat, was sie bedeuten und wer sie einsetzt. Eine Kleinigkeit vielleicht, aber da fängt es an und als pro-Feministischer Mann ist es eine Frage des Respekts entsprechend zu reflektieren.
    Ein guter Start wäre es ein paar Bücher von der ehrenwerten Sheila Jeffreys zu lesen.

    1. Ich bin mir ja nicht so sicher, ob ich verstehe, was du hier eigentlich sagen willst. Das trans* Aktivist*innen und Männerrechtler das gleiche sind? Zudem scheinst du die Geschlechtsidentität von trans* Menschen nicht zu akzeptieren und hier ziemlich krude Verdrehungen zu verbreiten? Ich zumindest habe noch keine lesbischen Frauen getroffen, die sich über aufdringliche trans* Frauen beschwert hat, was nicht bedeutet, dass es die nicht gibt. Ich habe aber schon mehrere getroffen, die sich über cis Typen beklagt haben, die sie genervt haben. Aber mit dem Unterschied tust du dich scheinbar schwer?

      Dass es cis Frauen gibt, die trans* Identitäten nicht anerkennen, ist mir nicht entgangen. Dieser Blog positioniert sich aber nicht nur pro_feministisch. Wir sind auch mit allen anderen Kämpfen gegen Diskriminierung solidarisch. Insbesondere auch mit trans* Menschen. Das du diese „Meinung“ jetzt ausgerechnet unter einen Artikel postest, der in Zusammenarbeit mit einem trans* Mann entstanden ist, finde ich sehr gewaltvoll.

      Im übrigen beziehe ich mich auch explizit auf FLINT* Räume. Dass es Frauen-Räume gibt, in denen trans* Frauen nicht willkommen sind, ist mir auch bekannt. Halte ich aber für ein Feld, wozu ich mich als cis Typ nicht unbedingt äußern muss. Und der Begriff „cis“ wird nach meiner Erfahrung insbesondere in feministischen Räumen verwendet. Daher erscheint mir das, was du hier schreibst, nicht sehr gut informiert.

      Wir haben uns bereits dem Statement unten angeschlossen und bleiben dabei: trans* Frauen sind Frauen und trans* Männer sind Männer!

      Das gesamte Statement vom #detoxmasculinity Netzwerk: https://www.facebook.com/kritische.maennlichkeit/posts/928021851032639

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