Warum Schutzräume zu respektieren sind

Und ein Podcast über queere Räume, Männlichkeiten, Ausschlüsse und wem welche öffentlichen Räume gehören

Bei wenigen Themen schlagen die Emotionen derart hoch, wie bei Frauen- bzw. FLINT*-only Räumen, also Treffen, Veranstaltungen oder Demos, welche nur für Frauen sowie lesbische, inter*, non-binary und trans* (FLINT*) Personen offen sind. Die Diskussion ob – oder eher wann – solche Räume angebracht sind, werden in FLINT*-Räumen intensiv und kontrovers geführt. Andererseits erzeugen diese Räume ein für cis Männer sehr ungewohntes Gefühl des „ausgeschlossen seins“, was leider zu teilweise heftigen Anfeindungen durch einige cis Männer gegenüber Feminist*innen führt, die diese Räume verteidigen. Für diesen kurzen Text, der sich mit der Frage, warum Schutzräume zu respektieren sind, auseinandersetzt, habe ich insbesondere Input von Cosmo bekommen. Das wiederum hat zu einem Interview und dem nächsten Podcast geführt, der „öffentlichen Raum“ aus einer trans* Perspektive behandelt. „Öffentliche Räume“ haben wir zur Vereinfachung nochmal in „heteronormative Räume“ und „queere Räume“ unterteilt.

FLINT* only Räume

Wie Kontrovers das Thema ist, wurde mir nochmal vor dem 8. März 2019 / feministischem Streik in Hamburg klar. Die Demo bzw. ein Teil der Demo war nur offen für FLINT*-Personen, was (so wurde mir berichtet) innerhalb des Streikbündnisses zu erheblichen Diskussionen führte. „Wäre es nicht gut, wenn sich alle Menschen für Feminismus einsetzen könnten?“ erscheint als plausibles Argument gegen den Ausschluss von cis Männern. Aber die Möglichkeit sich für feministische Kämpfe einzusetzen gibt es natürlich auch, wenn die Demo am 8. März ohne cis Männer stattfindet. So wurden cis Männer in Hamburg dazu aufgerufen sich am 8. März mit politischen Meinungsäußerungen zurückzuhalten. Stattdessen sollten sie Reproarbeiten übernehmen, wie die Kinderbetreuung und Versorgung mit Streikproviant, damit FLINT*-Personen ihre Meinung auf die Straße tragen können. Dieser Forderung nach einem „cis Männer Support“ in Hamburg habe ich mich angeschlossen. Was mir auch einiges an Kritik durch cis Männer auf Social Media eingebracht hat, da ich „für meinen eigenen Ausschluss votieren“ würde.

Allyship / Verbündetenschaft und die Notwendigkeit Bedürfnisse zu akzeptieren, auch wenn ich sie nicht verstehe

Als ich also einige Wochen vorher mit einer Runde cis Männern zusammen saß, um diesen Support zu organisieren, tauchte die Frage auf nach dem „warum“ brauchen FLINT*-Personen einen FLINT*-only Raum. Das Keiner wirklich eine Antwort wusste, fand ich insofern erstaunlich, als dass doch alle anwesenden cis Männer immerhin so „pro_feministisch eingestellt“ waren, dass sie sich für Kinderbetreuung oder den Abwasch nach dem Streikfrühstück freiwillig gemeldet haben. Einerseits sehr löblich, wenn wir dieses Zitat von Roxane Gay zum Thema Allyship / Verbündetenschaft betrachten:

„Black people do not need allies. We need people to stand up and take on the problems borne of oppression as their own, without remove or distance.

We need people to do this even if they cannot fully understand what it’s like to be oppressed for their race or ethnicity, gender, sexuality, ability, class, religion, or other marker of identity.

We need people to use common sense to figure out how to participate in social justice.“

Roxane Gay – aus Guide to Allyship

Der Text dreht sich um Allyship im Kontext von Rassismus, wo das Konzept ursprünglich herkommt. Ich beobachte regelmäßig eine krasse Konsumhaltung von cis Männern, dass ihnen Dinge, die sie nicht verstehen (gerade wenn dieses Gefühl des „ausgeschlossen seins“ hinzukommt), unbedingt (und sofort) zu erklären sind. Diese Anspruchshaltung hat erhebliches Konfliktpotential vor solchen Räumen. Sich zurück zu halten, auch wenn man nicht alles versteht oder mit allem übereinstimmt, ist sicherlich eine zentrale Fähigkeit für Allys / Verbündete. Das wird auch im Gespräch / Podcast mit Cosmo aufgegriffen.

Der Anspruch von cis Männern, dass FLINT* Personen sich erklären müssen

Zudem machen sich cis Männer leider wenig Mühe, um Argumente für FLINT*-Räume zu verstehen, wie sich einige Wochen nach dem cis Männer Support Treffen gezeigt hat. Da saß ich in einem (sehr guten und kostenlosen) Workshop der antifaschistischen, feministischen Gruppe NIKA, der sich genau mit der Frage, ob FLINT* Räume notwendig sind, auseinandergesetzt hat. Leider war ich der einzige cis Mann und auch sonst war keiner der Kritiker anwesend, die sonst so gerne über die Existenzberechtigung von FLINT*-only Räumen diskutieren. Mal wieder typisch, cis Männer wollen insbesondere auf feministische Veranstaltungen, auf denen sie nicht erwünscht sind. Wenn sie dann eingeladen werden, kommen sie nicht.

Neben der berechtigten Wut, die bei einigen Feminist*innen regelmäßig hochkocht, wenn sie sich den gleichen Argumenten von Männern zum hundertsten Mal anhören müssen, kann ich auch das Gefühl des „ausgeschlossen seins“ von Seiten der cis Männer nachvollziehen. Wir sind es nicht gewohnt irgendwo ausgeschlossen zu werden und die Reaktion sich dagegen zu wehren oder das zumindest verstehen zu wollen, ist nicht ganz überraschend.

Hier sei angemerkt, dass Cosmo mich für diese Aussage kritisiert, da sie auf cis männlicher Sozialisierung beruht und andere Gender nicht derart reagieren. Außerdem ist so ein Verhalten an sich schon gewaltvoll, da es diese Räume nicht akzeptiert und es andere (nicht emanzipative) Frauenräume gibt, in die cis Männer in der Regel nicht rein wollen, da sie ihre Männlichkeit infrage stellen würden (wie z.B. Kosmetikstudios). Und Cosmo hat Recht, diese Einstellung ist inakzeptables Trotzverhalten.

Ausschlüsse in heteronormativen Räumen und das cis männliche Privileg sich nicht mit diesen auseinandersetzen zu müssen

Viele cis Frauen und vielleicht noch mehr trans* Personen werden andauernd aus öffentlichen Räumen durch verschiedene Mechanismen ausgeschlossen. Sei es durch dumme Fragen, beleidigende Sprache, Redeverhalten / Mansplaining, Manspreading, unangenehme Blicke, (die Gefahr von) sexualisierten und anderen Übergriffen usw. Diese Dynamik fällt cis Männern in der Regel gar nicht auf. Zudem gibt es jede Menge Statements von Feminist*innen, die ihre Perspektive zu FLINT*-only Räumen erklären. Wenn ihr euch also fragt, was das soll mit den FLINT*-only Räumen, lest am besten solche Erklärung anstatt zu erwarten, dass es euch erklärt wird.

Wenn cis Männer dann plötzlich durch feministische Türsteher*innen am Einlass in FLINT* Räume gehindert werden, liegt der Eindruck natürlich nahe, dass es sich um etwas wie „Diskriminierung“ aufgrund des Geschlechtes handeln könnte. Die These ist absurd und habe ich schon an verschieden stellen besprochen. Dass sich Männer derart ungerecht behandelt fühlen, liegt insbesondere an ihrer Privilegiertheit (bzw. Privilegienignoranz) und daran, dass sie die sexistische, trans*feindliche, homophobe und anti-feministische Dynamik schlicht nicht mitbekommen, der FLINT* Personen ihr Leben lang ausgesetzt sind.

Schutzräume, Empowerment, Sensibilisierung und Verbündete

Wir Männer sind so privilegiert, dass wir uns aussuchen können, ob wir uns mit Ausschlüssen von FLINT* Personen auseinandersetzen oder nicht. Ich glaube ein zentraler Grund warum FLINT* Räume so wichtig sind, ist folgender: Wie auch im Ansatz Verbündetenschaft / Allyship konzeptualisiert, gibt es zwei Perspektiven auf Sexismus. FLINT* Personen, die im Patriarchat unterdrückt werden, müssen sich ermächtigen (Empowerment). Cis Männer müssen sich Sensibilisieren. Diese beiden Perspektiven „auf Augenhöhe“ in einem Raum zusammenzubringen, ist eine große Herausforderung.

Es wollen und brauchen nicht alle FLINT* Personen Schutzräume. Aber es gibt auf jeden Fall Menschen, die Schutz vor cis Männern in solchen Räumen suchen und die diese Räume brauchen, um ungestört ihre politischen Forderungen zu entwickeln, ohne diese vor privilegierten Personen / cis Männern erklären zu müssen. Warum einige cis Männer diese Arroganz an den Tag legen, diese Räume nicht zu respektieren, kapiere ich nicht. Wieso sollte ich versuchen in einen Raum einzudringen, in dem ich nicht erwünscht bin? Wenn mir jemand sagt, sie*er braucht gerade Raum, wieso reagieren da so viele Männer gekränkt in diesen Situationen? Und was denken Männer, würden sie erreichen, wenn sie sich in einen Raum Zutritt verschaffen, in dem sie nicht erwünscht sind? Ich kann das wirklich nicht verstehen, welche Motivation einen Antreibt.

Cis-Geschlechtlichkeit und Heterosexualität und das Ergötzen an Menschen, die von dieser Norm abweichen

Die Motivation, die ich noch am besten nachempfinden kann, ist Neugierde. Meine eigen Neugierde an anderen Menschen zu befriedigen und dabei noch in ihre Schutzräume einzudringen, ist absolut inakzeptabel. Trans* Personen sind andauernd neugierigen Fragen von cis Personen ausgesetzt. Es wird viel zu häufig als ganz normal empfunden Menschen, die von der hetero- bzw. cis-Norm abweichen nach ihren Geschlechtsteilen oder sexuellen Präferenzen / romantischem Begehren auszufragen. Dabei handelt es sich oft um Fragen, bei denen ganz klar ist, dass sie sehr unhöflich wären, wenn sie an heterosexuelle cis Personen gestellt werden würden.

Wie sich Frauen und Trans*gender in FLINT* Räumen im Vergleich zum „normalen“ öffentlichen Raum fühlen, haben die wenigsten Männer auf dem Zettel. Um dieser Fragen bzw. Cosmos Erfahrungen mit unterschiedlichen Räumen in Berlin dreht sich der Podcast. Mit „normalen“ Räumen meinen wir Räume, in denen einerseits auch cis Männer anzutreffen sind (und daher leider eine permanente Gefahr von ungewollten und beabsichtigten Übergriffen besteht). Im öffentlichen Raum sind cis-Geschlechtlichkeit (also das binäre Geschlechtssystem) und Heterosexualität die „dominante Norm“. Daher beschreiben wir diese Räume als „heteronormative Räume“.

Heteronormative und queere Räume

Wir werden in dem Podcast weiter differenzieren, zwischen FLINT* Räumen, die natürlich auch heteronormativ geprägt sein können, wenn heterosexuelle cis Frauen die große Mehrheit in diesen Räumen stellen und in denen z.B. auch Übergriffe gegenüber Trans*gender, nicht-binären Personen oder lesbischen Frauen passieren können. Räume, in denen cis Geschlechtlichkeit und Heterosexualität wiederum nicht „die Norm“ sind, bezeichnen wir zur Vereinfachung als „queere Räume“. „Queere Räume“ wiederum können sowohl FLINT*-only Räume sein, können aber auch für cis Männer offen sein. Die Anzahl an unterschiedlichen Räumen und die Frage, wer sich wo wie wohlfühlt bzw. überhaupt rein gelassen wird, ist also schwer zu überschauen.

Daher freue ich mich umso mehr über das Gespräch, dass ich mit Cosmo, der übrigens bei Instagram unter dem Namen Cosmosophic zu finden ist, führen konnte, der natürlich auch nur aus seiner eigenen Perspektive als queerer trans* Mann in Berlin erzählen kann. Im deutschen bevorzugt Cosmo das Pronomen „er“, während er in englischsprachigen, queeren Räumen das Pronomen „they“ vorzieht. Dabei raus gekommen ist ein wirklich lehrreicher Podcast, den ihr euch hier anhören könnt:

Podcast zu heteronormativen, queeren und FLINT*-only Räumen.

Hier könnt ihr übrigens den Podcasts abonnieren: Podcasts zum Thema Kritische Männlichkeit per Mail oder App


Bild: Selbstportrait von Cosmos: www.instagram.com/cosmosophic/


Hier geht es zum Podcast zu männlicher Rededominaz, sexistischem Redeverhalten, Silencing Praktiken, Mansplaining, Derailing, Tone Policing, Victim Blaming, Whataboutism, Gaslighting…


Triggerwarnung: Trans*feindliche Aussagen in den Kommentaren


Die fünf neusten Beiträge:


Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit.

12 Kommentare zu “Warum Schutzräume zu respektieren sind”

  1. [Triggerwarnung: trans* feindliche Aussagen, Antifeminismus]

    Pro-Feministisch ist dieser Beitrag IMO nicht! Als Mann will ich hier natürlich nicht definieren, was feministisch ist und was nicht. Ich stimme mit der Sichtweise der Radikal-Feministinnen überein, die da keine Männer in IHREN Räumen wollen. Das ist vor allem bei TRA’s (Trans-Aktivisten; in der Regel ausschliesslich Männer) in den letzten Jahren ein grosses Problem geworden. Diese Männer respektieren reine Frauenräume nicht und es scheint zu ihrem Fetish zu gehören Lesben zu belästigen. In deinem Newsletter und Blog bist du skeptisch Männer auszuschliessen, was diskussionswürdig ist. Allerdings setzt du selbstverständlich voraus, dass Frauen diese TRA’s und MRA’s (ist im Prinzip das Gleiche) in ihren Räumen akzeptieren (müssen).
    Und genau da liegt auch schon das Problem. Wir Männer haben gar nichts zu fordern, zu unterstellen oder zu bestimmen was den Feminismus betrifft! Wir Männer haben mehr als genug Möglichkeiten etwas gegen diese grausame patriarchale Gesellschaft zu unternehmen. Das fängt natürlich bei uns selbst an, denn wir sind die Verursacher derselben.
    BTW, solche Begriffe wie „cis“ empfinden viele Frauen als beleidigend, sobald sie wissen wer sie erfunden hat, was sie bedeuten und wer sie einsetzt. Eine Kleinigkeit vielleicht, aber da fängt es an und als pro-Feministischer Mann ist es eine Frage des Respekts entsprechend zu reflektieren.
    Ein guter Start wäre es ein paar Bücher von der ehrenwerten Sheila Jeffreys zu lesen.

    1. Ich bin mir ja nicht so sicher, ob ich verstehe, was du hier eigentlich sagen willst. Das trans* Aktivist*innen und Männerrechtler das gleiche sind? Zudem scheinst du die Geschlechtsidentität von trans* Menschen nicht zu akzeptieren und hier ziemlich krude Verdrehungen zu verbreiten? Ich zumindest habe noch keine lesbischen Frauen getroffen, die sich über aufdringliche trans* Frauen beschwert hat, was nicht bedeutet, dass es die nicht gibt. Ich habe aber schon mehrere getroffen, die sich über cis Typen beklagt haben, die sie genervt haben. Aber mit dem Unterschied tust du dich scheinbar schwer?

      Dass es cis Frauen gibt, die trans* Identitäten nicht anerkennen, ist mir nicht entgangen. Dieser Blog positioniert sich aber nicht nur pro_feministisch. Wir sind auch mit allen anderen Kämpfen gegen Diskriminierung solidarisch. Insbesondere auch mit trans* Menschen. Das du diese „Meinung“ jetzt ausgerechnet unter einen Artikel postest, der in Zusammenarbeit mit einem trans* Mann entstanden ist, finde ich sehr gewaltvoll.

      Im übrigen beziehe ich mich auch explizit auf FLINT* Räume. Dass es Frauen-Räume gibt, in denen trans* Frauen nicht willkommen sind, ist mir auch bekannt. Halte ich aber für ein Feld, wozu ich mich als cis Typ nicht unbedingt äußern muss. Und der Begriff „cis“ wird nach meiner Erfahrung insbesondere in feministischen Räumen verwendet. Daher erscheint mir das, was du hier schreibst, nicht sehr gut informiert.

      Wir haben uns bereits dem Statement unten angeschlossen und bleiben dabei: trans* Frauen sind Frauen und trans* Männer sind Männer!

      Das gesamte Statement vom #detoxmasculinity Netzwerk: https://www.facebook.com/kritische.maennlichkeit/posts/928021851032639

      1. [Triggerwarnung: trans* feindliche Aussagen, Antifeminismus]

        „Trans-Women“ are men.
        Mehr ist dazu nicht zu sagen. Sich den Label „Feminismus“ zu geben und andere Menschen mit irrationalen Newspeak Begriffen zu verwirren halte ich für höchst verwerflich. Wie dem auch sei, bist du nicht der erste Mann, der da anti-Feministisch agiert und genau das Gegenteil behauptet.

      2. Ich weiß, dass leider viele ähnlich verwirrt sind wie du. Ich habe auch gar nicht die Hoffnung, dass ich dein Denken da ändern kann. Du entscheidest auf jeden Fall nicht wer „Frau genug“ ist, wie ja schon in dem verlinkten Statement argumentiert wird. Und deinen Kommentar in dem du zwischen „wirklichen“ und „lable“ Feminist*innen unterscheidest und dich als Beschützer von Frauen (-rechten) darstellst, schalte ich nicht frei, da ich keine Lust habe mir das 60-minütige Video anzuschauen, auf das du verlinkst.

        Ich will für die interessierten Leser*innen aber nochmal klarstellen, dass das Hinterfragen von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit aus meiner Sicht zentral ist im Feminismus. Die Aufrechterhaltung einer angeblich „überzeitlichen und naturhaften“ Geschlechterordnung hingegen ist Antifeminismus. So wird es unter anderem auch in „Frauen*Rechte und Frauen*Hass: Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt“ vom Autor*innenkollektiv FE.IN beschrieben (Seite 26):

        „Antifeminismus ist vor allem konservativ und damit nicht nur gegen den Feminismus oder Frauen* gerichtet. Im Zentrum seht die Bewahrung einer Geschlechterordnung, die als scheinbar überzeitlich und naturhaft dargestellt wird, tatsächlich aber aus der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts stammt. In dieser Geschlechterordnung sind biologisches Geschlecht (>sex<) und soziales Geschlecht (>gender<) übereinstimmend und in der Regel mit heterosexuellem Begehren (>desire<) verbunden. Die Geschlechter sind streng getrennt und ihnen werden jeweils komplementäre Lebens- und Arbeitsbereiche zugeordnet. Der binären Geschlechterordnung wurde in einem langen historischen Prozess viele weitere binäre Kategorien zugeordnet: Natur – Kultur, aktiv – passiv, Verstand – Gefühl, Lohnarbeit – Reproduktionsarbeit, öffentlich – privat. Die Zuordnungen funktionieren im Kleinen, der Familie, ebenso wie im Großen, dem Staat. In der bürgerlichen Familie fungiert der Mann und der Vater als Ernährer und gleichzeitig als abwesender Patriarch. Die bürgerliche Frau, auf eine versteckte Existenz im Haus und bei der Kindererziehung reduziert, wurde gleichzeitig zur wichtigsten Legitimation des Mannes: Ihre Ernährung und ihr Schutz stellten sein Existenzrecht dar.“

      3. Und noch eine kleine Anmerkung, Neusprech / Newspeak im Diskursatlas Antifeminismus wird als antifeministisches Narrativ aufgeführt:

        „In Deutschland wird das Narrativ Neusprech vor allem verwendet, um geschlechtersensible Sprache zu diffamieren. Geschlechtersensible Sprache wird mit dem Ausdruck Neusprech indirekt als totalitär bezeichnet und verkettet diese mit Narrativen wie Genderfaschismus und Feminazis.“

  2. Aus meiner Sicht geht es im Feminismus keineswegs nur um Frauen. Es geht um freie Entfaltung für alle, um als „klassisch-feminin“ kategorisierte Werte wie Empathie, Sebsibilität, Care und deren Etablierung in ganz vielen Lebebsbereichen. Der Fokus auf Frauen als Bedrohungen ausgesetzte & strukturell benachteiligte Gruppe ist natürlich wichtig. Er ist aber nicht die „einzige Essenz“ der feministischen Bewegung. Feminismus bedeutet doch auch, die engen, übrigens wissenschaftlich nicht verifizierbaren, Vorstellungen von Gender zu überkommen und eines Tages auf einer Ebene anzukommen, auf der Menschen von Grund auf ganz anders sozialisiert werden. Frauen wollen sich von den Ihnen übergestülpten Vorurteilen und Vorgaben befreien und das gleiche steht einfach allen Menschen zu.

    Indem Trans*-Personen kategorisch ausgeschlossen werden, passiert doch genau das Gegenteil! Nur weil dein biologisches Geschlecht Männlich ist (was im übrigen nicht mit deinem genetischen Geschlecht übereinstimmen muss, wie will man das denn bitte auseinanderfummeln wenn man sich schon auf die „physischen“ Eigenschaften begrenzt?!), muss deine Geschlechtsidentität nicht männlich sein und du musst auch nicht vorwiegend maskuline Vorstellungen, Charaktereigenschaften o.ä. internalisiert haben.

    Mich als Frau pisst das, offen gesagt, massiv an, wenn ein Mann daher kommt und bestimmt, wer Frau ist und wer nicht. Ich verstehe nicht, wie man als Feminist auf so eine abwegige Idee kommt. Frausein ist nichts biologisches, Diggi. Das ist in erster Linie ein Wesen, eine „Art, sich zu fühlen & zu sein“. Es kann auch nicht jede biologische Frau gebähren, deshalb ist sie aber nicht „nur halb so sehr Frau“.

    Ich würde da nochmal drüber nachdenken. Mein Safe-Space als Frau entsteht durch Umgang, durch Sebsibilität und Respekt meines Umfeldes. Trans*-Personen bringen all das in aller Regel tausendfach mit. Ich habe noch nie erlebt, dass sie sich in ein für Frauen gedachtes Umfeld reindrängen wollen.

  3. „liegt der Eindruck natürlich nahe, dass es sich um etwas wie „Diskriminierung“ aufgrund des Geschlechtes handeln könnte. Die These ist absurd“

    ——

    Ich bin selber erst durch einen Flint-Workshop auf dieses Thema gekommen, wo quasi cis-Männer ausgeschlossen sind, dieser Workshop aber nicht unbedingt Flint-spezifisch ist. Ich habe auch zwei andere Artikel gelesen und dem Punkt, dass die Bezeichnung Diskriminierung hier absurd ist, stimme ich nicht überein. Natürlich ist es eine Art von Diskriminierung. Die Bandbreite der Persönlichkeiten von meinen (männlichen) Freunden reicht von Macho-Arschloch bis hin zum sensiblen, introvertierten Typen. Nun werden alle unabhängig ihrer Einstellung bzw. Verhaltens in eine Gruppe gepackt (cis-Mann) und ausgeschlossen….ergo diskriminiert.

    Ähnliche Diskussionen gibt es auch bei der Einführung von Frauenquoten in der Wirtschaft/Politik etc…..O-Ton: „Da müssen halt die Männer jetzt mal durch bzw. Kollateralschäden sind da nicht zu vermeiden. Sie haben Jahrtausende profitiert und jetzt sind die Frauen dran“….und der Einzelne „Mann“ fällt runter. Finde ich alles sehr bedenklich und ja, es fällt mir schwer zu differenzieren, wenn jmd zu mir sagt „Ich hasse Männer“ und dann evtl noch „Ich meine nicht dich persönlich, sondern das Konstrukt“….

    1. Du solltest nochmal an deinem Verständnis bzgl. Diskriminierung arbeiten bzw. dich damit auseinandersetzen, was es bedeutet diskriminiert zu werden. Das ist nicht vergleichbar mit ‚ich komme einmal nicht in einen Workshop zu angeblich „nicht unbedingt Flint-spezifisch“ Themen rein‘. Mir ist schon klar, dass der Blog hier das nur bedingt leisten kann, schließlich kommt er aus einer privilegierten Perspektive.

      Vielleicht hilft dieser Artikel etwas: https://kritische-maennlichkeit.de/was-bedeutet-eigentlich-cis-mann-und-warum-brauchen-wir-diese-bezeichnung/

  4. Zuerst mal: Große Teile kann ich absolut verstehen. Ich bin mit der Idee der Schutzräume grundsätzlich OK. Die Argumente sind zum großen Teil gut ausgearbeitet, finde ich. Aber es gibt so Details …

    Da wäre das Wort »FLINT«. Ich persönlich mag ja »FLINTA« mehr, denn Asexuelle, Aromantische und agender Personen wollen auch ihren Spaß! 😀 Aber das nur nebenbei …

    Dann zum Wort »Diskriminierung«. (Das ist jetzt Wortklauberei.) Einerseits sagst du explizitit, cis Männer sind in FLINTA-Räumen nicht willkommen, wilst dann aber sofort rechtfertigen, dass das überhaupt keine Diskriminerung sei. Das klingt paradox. Im Wortsinn heißt »Diskriminerung« Unterscheidung.

    Aber warum kann man das nicht einfach Diskriminerung nennen? Es heißt ja nicht automatisch, dass sie ungerechtfertigt sei.

    Den Grund für FLINTA-Räume kann ich verstehen. Dass man mal einen Rückzugsort braucht, wo man sozusagen »unter sich« ist, unter Menschen, die einen verstehen. Ist alles nachvollziehbar. Ich habe nicht das Bedürfnis, auf Teufel komm raus in solche Gruppen einzusteigen, und ich kann verstehen, wenn ihr die Ruhe haben wollt. Clubs suchen sich ihre Mitglieder auch selber aus, das ist technisch gesehen auch eine Diskriminerung. Aber eine akzeptierte Diskriminierung.
    Und auf der Arbeit diskriminert man nach Fähigkeit. Was ich sagen will: Nicht jede Diskriminerung ist böse. Diskriminerung ist erst dann böse, wenn sie der Herrschaft und Unterdrückung dient. Und hier ist das auch nicht der Fall. Also OK. Ich reite nur deshalb darauf rum, weil es bescheuert klingt, wenn man einerseits sagt, ja wir schließen bewusst aus, aber nein, das sei keine Diskriminierung. Das klingt wie 1+1=Apfelsaft. Aber die Exklusivität an sich ist für mich wie gesagt absolut nachvollziehbar. Man kann das denke ich auf jede marginalisierte Gruppe anwenden, wo man einfach mal unter seinesgleichen sein will.

    Wo ich das ein bisschen kritischer sehe, ist es, wenn der Ausschluss sich auch außerhalb von privaten Zusammenkünften und Schutzräumen ausweitet. Je größer ihr den Ausschluss von cis Männern oder irgendeiner anderen Identität fasst, desto größer ist die Gefahr, dass dies zu einer allgemeinen Feindlichkeit führt. Cis Männer sind nicht der Feind. Cis-/Endo-/Heteronormativität ist der Feind. Gegen eine pauschale Ausschließung von cis Männern aus allen Events wehre ich mich auf jeden Fall, das würde definitiv zu weit gehen, denn hier geht das mehr in Richtung Ausschluss als Machtinstrument, die Begründung »Schutzraum« ist unglaubwürdig, wenn es sich um einen sehr breiten Ausschluss handelt (z.B.: unerwünscht in ALLEN Gesprächen, in ALLEN Demos, in ALLEN Orgatreffen, usw.). Der Ausschluss von einer Demo nur wegen deiner Identität geht gar nicht, denn eine Demo ist ja öffentlich. Ich möchte außerdem daran erinnern, dass cis Männer immer noch einer marginalisierten Gruppe angehören können, z.B. schwul, bi, pan, asexuell, inter*, usw., in diesen Fällen ist ein weitreichender Pauschalausschluss besonders bedenklich.

    Nächster Punkt:

    »So wurden cis Männer in Hamburg dazu aufgerufen sich am 8. März mit politischen Meinungsäußerungen zurückzuhalten.«

    Diesen Satz sehe ich schon ziemlich grenzwertig. Auch hier greift das »Schutzraum«-Argument überhaupt nicht mehr, wir reden jetzt von einer Demo, also einer ÖFFENTLICHEN Veranstaltung. Diese Forderung klingt für mich so, als dass cis Männer unfähig sind, vernünftige Meinungen zu haben. Ich kenne ein paar cis Personen, die haben einen phänomenalen Job dabei gemacht, viele Leute über trans Themen aufzuklären, gängie Mythen zu schlachten. Und auf der anderen Seite gibt es auch trans Personen, die transphobe Scheiße verbreitet und viel Schaden für die Community angerichtet haben. Beides ist möglich und beides ist schon vorgekommen.

    Die Forderung ist sehr problematisch. Sie hat die Implikation, dass NUR trans Personen eine vernünftige Meinung zum Thema haben können. Damit legt man trans Personen aber nur aufgrund ihres Wesens als trans Person eine Grundhaltung in den Mund, man impliziert, alle trans Personen wären sich quasi einig. Das ist natürlich ein dummes Vorurteil, und somit abzulehnen. Das Vorurteil ist gefährlich und SCHADET trans Personen, da in diesem Weltbild die Existenz fieser transphober trans Personen undenkbar ist, was aber einfach nicht der Realität entspricht.

    Die Akzeptanz von Meinung sollte sich nach der Informiertheit und sachlichen Korrektheit richten und nicht einfach nach der Identität. Ist ein bisschen albern, zu sagen, nur weil du trans bist, hast du automatisch mit allem Recht. Wahrheit richtet sich nicht nach Identität. Genausowenig haben Weiße, Schwarze, Blauäugige, Rothaarige, usw. »automatisch Recht«.

    Ein weiters Problem:
    „‚Öffentliche Räume‘ haben wir zur Vereinfachung nochmal in ‚heteronormative Räume‘ und ‚queere Räume‘ unterteilt.“
    Diese Formulierung schmeckt mir nicht. Das hieße ja, nicht-queere Räume seien automatisch heteronormativ. Aber nicht jeder Hetero glaubt an die heteronormative Ideologie, und das ist auch gut so. Kann ein Raum hetero sein, ohne heternormativ zu sein?

    »Ich beobachte regelmäßig eine krasse Konsumhaltung von cis Männern, dass ihnen Dinge, die sie nicht verstehen (gerade wenn dieses Gefühl des „ausgeschlossen seins“ hinzukommt), unbedingt (und sofort) zu erklären sind.«

    Das ist sicherlich sehr frustierend, wenn man immer alles erklären muss. Trotzdem ist Bildungsarbeit unglaublich wichtig, weil die Community insgesamt von vielen schädlichen Vorurteilen belegt ist. Es wäre fatal, wenn jede Frage abgewatscht wird, macht auf Dauer einen ziemlich arroganten Eindruck auf die Außenwelt. 🙁 Eine einfache Anfangslösung könnte eine FAQ oder so sein, damit man nicht jedes Mal bei Adam und Eva anfangen muss. Wird man dann wieder irgendeine Banalität gefragt, einfach Verweis auf die FAQ und gut ist, und gar nicht erst weiter erklären, rechtfertigen etc. Und dabei stur sein. Das Prinzip hat sich in vielen Online-Communities bewährt.

    1. Ein sehr langer Text und ich stimme definitiv nicht mit allem überein.

      Vielleicht drei kurze Kommentare:

      Kein Mensch hat irgendwas davon gesagt alle Männer von allen Demos auszuschließen. Das halte ich genauso für eine Verdrehung, wie was du zum Wort Diskriminierung schreibst. Wenn du das Wort so Verwendest, dann beschreibt es halt einfach was Anderes, als wie es hier verwendet wird (siehe Glossar https://kritische-maennlichkeit.de/glossar/diskriminierung/). Ich empfinde das als Verharmlosungs- und Ablenkungsstrategie und erlebe es sehr häufig.

      Die Aufforderung, dass Männer sich am Weltfrauentag mit politischen Forderungen zurückhalten sollen, wurde damit begründet, dass FLINTA* an dem Tag ihre politischen Forderungen Gehör verschaffen können. Das finde ich durchaus legitim und es bleiben genug Tage, an denen cis Männer sich aktiv einbringen könnten. Seltsamerweise wollen sie das aber immer nur am 8. März tun. Ich würde zudem sagen, dass es auch legitim ist Schutzräume auf Demos zu schaffen, insbesondere auf Demos in denen es darum geht Forderungen einer marginalisierten Gruppe Gehör zu verschaffen. Hier hat auch keiner was von NUR trans Personen geschrieben…

      Die Frage woran ein Hetero glaubt, halte ich grundsätzlich für ziemlich unbedeutend, wenn es um Diskriminierungsabbau geht. Alle möglichen weißen Heteros glauben zum Beispiel nicht rassistisch oder sexistisch zu sein. Hilft erstmal nicht weiter, wenn Menschen nicht bereit sind sich mit internalisierten Rassismen / Sexismen und den Erfahrungen von PoC / FLINTA* auseinanderzusetzen. Insofern glaube ich auch nicht, dass ein Raum hetero sein kann, ohne heteronormativ zu sein. Ich hoffe aber wir kommen da irgendwann hin. Ist aber noch ein weiter Weg, wäre mein Eindruck.

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