Konstruktion einer eigenen Version von Männlichkeit?

Ein kurzer Blick auf Erfahrungen von zwei Transmännern

An anderer Stelle habe ich argumentiert, dass heterosexuelle cis-Männer im Bezug auf Konstruktion von Männlichkeit durchaus etwas von ‚anderen‘ Identitäten und Orientierungen lernen können. Das will ich etwas genauer erklären, insbesondere bezogen auf zwei (englischsprachige) Essays von Transmänner, also Männern, die mit als „weiblich“ gelesenen Körpern geboren wurden (also mit z.B. Vulva und Klitoris) und bei der Geburt „weiblich“ eingetragen wurde. (Zur Vermeidung von Unklarheiten: Ein cis-Mann ist eine Person, die mit als „männlich“ gelesenen Geschlechtsmerkmalen (also z.B. Penis und Hoden) geboren wurde und die sich selbst als Mann bezeichnet.)***

Die Konstruktion von Geschlecht

Vielleicht würden sich die beiden Autoren auch anders definieren. Springender Punkt ist, dass beide mit den körperlichen Merkmalen einer Frau geboren und als Frau sozialisiert wurden, sich aber nicht mehr so betrachten. Beide haben ihr Auftreten und ihren Körper so verändert, dass sie inzwischen in 100% der Fälle als Mann gelesen werden, wenn sie das denn wollen. Sie haben sich also erst mit der weiblichen und dann mit der männlichen Identität auseinandergesetzt. Elliot Long schreibt im Essay Elusive Intersections, dass er die „Transition“, also Umwandlung von Frau zu Mann, soweit er dieses Wort überhaupt verwenden würde, als noch nicht abgeschlossenen Prozess betrachtet.

Wenn wir cis-Männer über Männlichkeit reden, tun wir meist so als wüssten wir genau was das bedeutet. Alle anderen aussagen würden wohl auch unsere eigene Männlichkeit in Frage stellen. Das könnte uns in allen möglichen Situationen in erhebliche Erklärungsschwierigkeiten bringen. Und das passt wiederum so überhaupt nicht zur Erzählung des souveränen Mannes. Also besser keine Unsicherheit zeigen. Und wenn wir uns lange genug einreden, dass wir Bescheid wissen, glauben wir das letztendlich auch selbst. Fragen lassen wir also von Anfang an nur wenige zu. Dabei ist die Auseinandersetzung mit Männlichkeit ein Prozess. Oder könnt Ihr genau beantworten welche Qualitäten als Mann die wichtigsten sind? Und in welcher Lebensphase, sei es in der Schule, Partnersuche, Partnerschaft, Arbeitswelt, als (guter) Vater oder was halt so kommt im Laufe eines Lebens?

Eine eigene Version von Männlichkeit?

Elliot schreibt, dass er sich genau so wenig an dem Idealbild Mann orientieren kann, wie er sich an dem Idealbild Frau orientieren konnte. Er würde seine „eigene queere Version von Männlichkeit“ (S. 34) konstruieren müssen, mit der er sich wohl fühlt. Diesen expliziten Prozess des Mann-Werdens sollten cis-Männer auch reflektieren. So fragt sich Elliot, ob es wirklich wichtig ist Sport und Autos zu mögen. Schließlich kennt er genug Männer, die das nicht tun.

Soweit so logisch. Ich glaube nicht, dass dieser Prozess bei cis-Männern nicht stattfindet. Aber eben meist nicht (so) reflektiert, wie in dem Text von Elliot beschrieben. Das Privileg von Männern die gesellschaftliche Norm zu sein, lässt diesen Prozess als normal erscheinen und macht ihn damit unsichtbar. Und es fehlt uns cis-Männern natürlich die Perspektive auf Weiblichkeit, die ein Transmann hat. Dabei ist der gesellschaftliche Druck sich als heteronormativer Mann zu verhalten auf Transmänner vermutlich deutlich größer, als auf cis-Männer, da die Männlichkeit von Transmännern von der Gesellschaft grundsätzlicher in Frage gestellt wird.

Das wird insbesondere in dem zweiten Essay Tarheels and Transfags von Joshua Cole deutlich, auf den ich mich beziehe. Menschen sind ja häufig schon von der Identität einer transsexuellen Person überfordert, deren Transformation innerhalb des Binären Systems abläuft. Das Binäre System versteht Geschlecht ausschließlich als entweder Männlich oder Weiblich. Daher findet eine Transformation vom einen zum anderen innerhalb dieses System statt. Eine Person, die als Frau geboren, eine Transformation zum Mann macht und sich dann nicht (wirklich) als Mann betrachtet (oder wie Joshua es ausdrückt: „I am too out for the stealth transmen, but I’m not out enough for the genderqueers.“, S. 63), verwirrt vermutlich so ziemlich jeden, dieder nicht daran gewöhnt ist außerhalb binärer Geschlechter zu denken.

Nicht-binäre Identitäten mitdenken

Diese Erfahrung zeigt, was eine Auseinandersetzung mit Gender so an neuen Möglichkeiten der Geschlechtsidentitäten zu bieten hat. Geschlechtsidentität ist etwas subjektives. So hält sich Joshua „für eine andere Art von Mann, sensitiver, ruhiger und besser angezogen“ (S. 62-63) und macht sich „bewußt Gedanken darüber wie viel Raum ich einnehme, wie laut ich rede und wie viel“ (S. 68). Genau diese Gedanken sollten wir Männer uns auch machen, wie nicht zuletzt die Diskussion über Mansplaining und Manspreading gezeigt haben.

Auch Elliot schreibt, dass er im Laufe der Auseinandersetzung mit Männlichkeit gemerkt hat, wie sehr er in dem Binären System gefangen ist. „All die unterschiedlichen Möglichkeiten „Mann“ und „Frau“ zu definieren, von dem ganzen Raum außerhalb und/oder zwischen diesen Labeln mal ganz abgesehen, habe ich übersehen“ (S. 33). Mit diesen Unschärfen der Geschlechtergrenzen zu experimentieren, solche Gedanken überhaupt zuzulassen, öffnet unglaublich viele Möglichkeiten beim Finden der eigenen Identität. Dem sollten Männer sich öffnen. Das ist aus meiner Sicht eine der ganz großen Möglichkeiten, die sich Männern durch eine Auseinandersetzung mit Gender und den nicht so traditionellen Geschlechteridentitäten bietet.

Und der heterosexuelle cis-Mann?

Viele Männer stört es ja schließlich auch in die Schublade des weißen heterosexuellen cis-Mannes gesteckt zu werden. Insofern macht es Sinn sich auch mit dem eigenen Auftreten, der Frage wie viel Raum wir einnehmen, Klamotten und Körpersprache auseinanderzusetzen. Elliot schreibt: „Ich wollte nicht „normal“ aussehen oder als ein weiterer heterosexueller, weißer Mittelklassemann durchgehen. Ich habe es genossen, dass meine radikale politische Meinung durch mein Aussehen wahrgenommen wurde und hatte Angst das zu verlieren. Jahre lang wurde ich von heterosexuellen, weißen Männern belästigt und das letzte was ich wollte, war das jemand annimmt ich wäre einer von denen.“ (S. 35)

Fabian Hart kommt als weißer homosexueller cis-Mann auch zu der Erkenntnis, wie sehr er heteronormative Männlichkeit verinnerlicht hat und betrachtet es als Zunahme seiner Freiheit, nicht an starren Rollenbildern festzuhalten: „Jahrelang habe ich diese Codes gar nicht hinterfragt, habe trainiert männlich zu sein und dachte, dass Sätze wie „Dir merkt man gar nicht an, dass du schwul bist.“ Komplimente sind.“ Das ausbrechen aus dieser Gender-Performance sieht er als „wichtiger Schritt in die Gleichberechtigung und die Grundlage einer männlichen Revolution!“ Er schlussfolgert: „Die Traditionen an Ungleichheiten anzusprechen ist das Outing, das jeder Mann nötig hat.“

Experimente mit der Konstruktion von Geschlecht zulassen

Und er schlägt gleich einige Übungen vor, wie auch mal Männern Komplimente zu machen oder die Beine in der S-Bahn zusammen zu halten. Um diese Konstruktion von Männlichkeit sichtbar zu machen (ebenso wie die Privilegien und Unterdrückung), müssen wir Männer mehr über verinnerlichte Gender-Performance reden. Beobachtet mal genau, wie Männer sich überwiegend in der Öffentlichkeit verhalten.

Abbau der erlernten Homophobie und mehr Entspannung gegenüber (und eine freundlichere Atmosphäre für) anderen Geschlechtsidentitäten sollte dabei ein wichtiges Ziel sein. (Auch Joshua geht auf Belästigungen durch cis-Personen ein und benennt den wichtigen unterschied „durch einen Bewunderer abgecheckt“ oder „wie ein Freek angeglotzt“ (S. 63) zu werden.) Genau wie Frauen sich männliche Domänen (z.B. Lohnarbeit) angeeignet haben, machen und wollen viele Männer dies auch mit weiblichen Domänen, z.B. in der Familie. So wird der Kampf um Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ein Kampf für uns Männer. Frauen haben sich in den letzten 100 Jahren auch männlich konnotierte Klamotten (z.B. Hosen) angeeignet. Vielleicht ist es ja an der Zeit uns weiblich konnotierte Klamotten anzueignen? In einer binär denkenden Gesellschaft sicherlich eine ausdrucksstarke Möglichkeit sich vom Heteronormativen abzugrenzen.

* Zitate aus dem englischen frei übersetzt
** Bild via WikimediaCommons, Alok Vaid-Menon und Janani Balasubramanian, Autor, CC BY-SA 4.0
*** Die letzten zwei Sätze des ersten Absatzes habe ich abgeändert, nachdem ich auf eine potentiell verletzende Formulierung hingewiesen wurde. TRIGGERWARNUNG, ich reproduziere, damit (potentiell cis-männliche) Leser*innen die unterschiedliche Formulierung nachvollziehen können. Ursprünglich stand an der Stelle: Das will ich etwas genauer erklären, insbesondere bezogen auf zwei (englischsprachige) Essays von Transmänner, also Männern, die im Körper einer Frau geboren wurden. (Zur Vermeidung von Unklarheiten: Ein cis-Mann ist ein Mann geboren im Körper eines Mannes.)


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Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit

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