Pro_feministische Perspektiven auf Männlichkeiten? Männliche Perspektiven auf Feminismus?

Veranstaltungsankündigung und gemeinsame Gedanken zur Positionierung von Männern gegenüber der feministischen Bewegung

Welche Position können solidarische Männer im feministischen Diskurs beziehen? Welche neuen Perspektiven auf Männlichkeiten eröffnen sich durch die aktuelle Debatte zu Gender? Große Fragen mit erheblichem Umwälzungspotential! Nur wo können sich Männer überhaupt zu diesen Themen austauschen? Wir wollen Menschen aller Gender einladen mit uns darüber nachzudenken und zu diskutieren.

Emanzipatorische Kämpfe und Gender betrifft auch Männer!

Denn es bewegt sich viel im Bereich Gender und Emanzipation. 10.000 Menschen waren am 8. März 2019 in Hamburg auf der Straße, die größte feministische Demo seit Jahren in dieser Stadt. Unter Männern schient es aber eher still bezüglich dieser Themen. Intensive Bemühungen haben sich nicht halten können. Andere schon. Doch diese sind oft verbunden mit genau dem, was wir doch ablehnen.

Kaum männliche Stimmen sind wirklich hörbar, in denen wir uns wiederfinden können. Die Kämpfe scheinen vielen Privilegierten unwichtig und werden selbst an uns vertrauten Orten kaum geführt. Oft ist zu hören, dass es Wichtigeres gäbe. Postionen werden meist nur schnell und unvermittelt ausgetauscht. Kaum etwas auf das sich berufen oder aufbauen lässt.

Während einige Menschen schon seit langem Kämpfe führen und so unfassbar viel erreicht haben, stehen andere noch da und scheinen es nicht richtig zu verstehen. Zu sagen „Ich bin ein Mann und männliche Dominanz und Gewalt stinkt mir. Auch meine eigene! Ich hab´ keinen Bock mehr diese Strukturen in meinem Leben so stehen zu lassen!“ scheint nicht nötig. Als ob das nicht unser Problem wäre. Als ob uns das nicht alle beträfe.

Pro_feministische Perspektiven auf Männlichkeiten? Männliche Perspektiven auf Feminismus?

Nun ist seit #MeToo viel Wasser die Elbe herunter geflossen. Zumindest aufmerksame Beobachterinnen sollten inzwischen verstanden haben, dass wir ein massives Problem mit Sexismus, Misogynie und Antifeminismus in unseren Gesellschaften haben. Manche, eher politisch rechts zu verortende Analysen, beklagen eine „Krise der Männlichkeit“ und „Verweiblichung der Kultur”. Sie wollen Männer (wieder) zu alter Kraft zurück führen. Gewalt von Männern erscheint in diesem Kontext als probates Mittel, wird als Hilferuf der Abgehängten oder derjenigen, die sich dagegen wehren, interpretiert. Eher links orientierte Perspektiven erscheinen wesentlich progressiver durch eine Verurteilung von (offensichtlichen Formen der) Gewalt und einer Reform von Männlichkeitsidealen (vergleiche auch).

Aber auch diese Perspektive verortet sich meistens sehr stark im binären Geschlechtersystem und läuft Gefahr das Patriarchat zwar reformieren zu wollen, es im Endeffekt dadurch aber auch zu erhalten sucht. Weitere pro_feministische Perspektiven auf Männlichkeiten sind dabei sich zu entwickeln und viele Beobachterinnen teilen die Meinung, dass Männlichkeiten in einer zunehmend breiten Öffentlichkeit diskutiert werden (müssen!). Selbstverständlich gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeiten schon mindestens seit den 70er Jahren. Neu hinzugekommen sind seit dem nach unserer Einschätzung ein völlig neues Verständnis zu „Gender“ (Geschlecht) und Diskriminierung. Begriffe wie cis-Gender und Repro-Arbeiten machen die Runde. Dabei ist es eine große Herausforderung nicht-Binäre Geschlechterkonzepte zu verstehen, wenn wir in einem hauptsächlich binären Geschlechterkontext aufgewachsen sind.

Kritik an patriarchalen Strukturen sollte nicht mit Kritik an der eigenen Person verwechselt werden

Frauen, Inter-Personen und Trans*gender sprechen diese Missstände (zunehmend) an, lassen sich immer weniger den Mund verbieten und ecken im besonderen Maße bei Männern immer wieder an. Aber es ist sowas von daneben ihnen diese Arbeit alleine aufzubürden. Menschen die von Sexismus profitieren, werden auch in Zukunft nicht verschwinden, genau wie diejenigen, die diese Missstände weiter anklagen. Uns erscheint es dringend nötig Räume zu schaffen, in denen auch Männer über diese Sachlage diskutieren und neue Genderperspektiven nicht nur akzeptieren sondern auch Männlichkeit als Teil davon verstehen. Denn die Konstruktion von Geschlecht hat natürlich sehr viel mit Männern und Männlichkeiten zu tun. Wir empfinden diese Auseinandersetzung als etwas sehr wertvolles und wollen Männer einladen sich damit auseinanderzusetzen. Wir raten Männern dringend sich zu Kritik am Patriarchat zu positionieren, ohne dass diese Kritik als ein Angriff auf die eigene Person verstanden werden muss.

Männer, die in (pseudo-)traditionellen Männlichkeitsrollen verharren, werden auch in Zukunft wichtige gesellschaftliche Positionen einnehmen, die es ihnen erlauben, diese Rollen zu schützen. Diese werden als ein Teil eines immer noch sehr dominanten Wertesystems hochgehalten und auch ebenso verteidigt. Es schafft Privilegien die einfach nicht aufgegeben werden wollen. Es dauert lange bis Mensch offen dafür ist, Denksysteme zu hinterfragen. Darauf warten bis diese Ungleichheit freiwillig aufgegeben wird, sollten wir nicht. Wir sehen einen wichtigen Teil in einer kritischen Auseinandersetzung mit Männlichkeiten darin, die Komplizenschaft mit diesen Männern zu kündigen. Es ist wichtig dass Dinge passieren. Und etwas ganz besonders Wichtiges dabei ist, dass sich Menschen, die sich als Männer sehen, eben auch begreifen, welche Bedeutung in dieser Welt diese Position eingenommen hat. Und zwar auf den großen Bühnen und in den alltäglichen Handlungen. Natürlich ist das ein große Herausforderung. Der Weg ist das Ziel, aber der muss auch gegangen werden wollen!

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen müssen wir als Prozess betrachten, der Zeit bedarf. Wir wollen Euch an dieser Stelle auf einige Anknüpfungspunkte hinweisen. Insbesondere freuen wir uns auf eine…

Veranstaltungsreihe in Hamburg zu Männlichkeitskritik: Verunsichert euch!

Rolf Pohl: Pick-Up-Artists und Männlichkeit
| Dienstag, 23.04., 18:00h
| Café Knallhart, von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Philippe Greif: Kritische Männlichkeitsforschung und Feminismus
| Donnerstag, 09.05., 18:00h
| Café Knallhart, von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Kim Posster: Real Men Are Feminists!?
| Donnerstag, 16.05., 19:00h
| Rote Flora, Halle 1. Stock, Achidi-John-Platz 1, 22769 Hamburg

Christian Reichert: Die profeministische Männerbewegung damals _ und heute?
| Donnerstag, 23.05., 19:00h
| Café Knallhart, von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Veronika Kracher: Incels – Geschichte, Sprache, Ideologie eines Online-Kults
| Dienstag, 04.06., 18:00h
| Café Knallhart, von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe: https://verunsicherteuch.blackblogs.org

Und was ist sonst so los zu dem Thema in Hamburg?

Alle zwei Wochen findet im Gängeviertel ein offenes Treffen zum Thema Kritische Männlichkeiten statt. Die Termine findet Ihr auf der Homepage vom Gängeviertel, unter www.kritische-meannlichkeit.de/hamburg oder indem Ihre Euch bei unserem Email-Verteiler anmeldet.

Am 30.5.2019 zwischen 20-22 Uhr könnt Ihr zudem weitere Gedanken von uns und anderen beim FSK hören. Talkrunde Kritische Männlichkeiten: Pro_feministische Perspektiven auf Männlichkeiten. Männliche Perspektiven auf Feminismus. Diskussion und Musik.

Wir wünschen spannende Anregungen für eine aufregend Auseinandersetzung!

Sven*Jan & Janosch


Sven*Jan ist Aktivist aus Hamburg, bietet Workshops zum Thema Biographiearbeit und Reflexion der eigenen Männlichkeit an und wird in der Sendung beim FSK am 30.5.19 zu hören sein.


*Bilder: Flyer (https://verunsicherteuch.blackblogs.org)
**Dieser Text wird auch im Transmitter (Ausgabe Mai 2019) des FSK Hamburg veröffentlicht


Die fünf neusten Beiträge:


Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit.

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