Mansplaining zu Gendersensibilität?

Und ein Beispiel warum man sich zurück halten sollte, bei der Beurteilung des Aussehens anderer

Dieser Gastbeitrag von de.construct über ein extremes Beispiel von Mansplaining wirft einige interessante Fragen auf: Was haben Frauen für Begegnungen mit Typen auf Partys? Wer entscheidet, welche Klamotten für wen angebracht sind? In welchen Situationen sollte ich (nicht) für andere Personen sprechen? Und was könnte überhaupt der Unterschied sein, zwischen einer Verkleidung als (cis) Mann oder (trans) Mann? (Triggerwahrnung: Mansplaining, transfeindliche Äußerungen)

de.construct: An Halloween habe ich eine unangenehme Situation erlebt, von der ich erzählen möchte. Ich war auf einer Hausparty mit Freund*innen und Bekannten von Bekannten. Das war mein Kostüm:

Ich hatte eine Cargohose und ein schwarzes, weites Shirt an, mir mehr Schatten ins Gesicht gemalt und einen Bart aufgeklebt. Dazu hatte ich das Pappschild dabei, beide Seiten sind auf den Bildern zu sehen.

Idee dahinter: der „nervige/creepy Typ auf jedem Festival“. Belästigung und toxische Männlichkeit als gruselig, also falsch , darstellen.

Klar kann ich verstehen, wenn mensch das nicht erkennt, es war nicht lange durchdacht und super umgesetzt. Ein Typ fragt mich also, ob ich es nicht offensive finden würde eine trans* Person darzustellen. Doch, sage ich, würde ich sehr daneben finden, wollte ich aber nicht darstellen. Wollte nicht dass es so rüberkommt, habe da vielleicht etwas nicht richtig klar gemacht.

Er: „Ja aber um echt zu sein bist du zu schlecht geschminkt und für einen echten Drag King auch. Deswegen denkt man das dann.“

Und dann fuhr er fort mir zu erklären, was echter und guter Drag ist, nämlich ausschließlich professioneller Drag, und dass ich viel zu schlecht aussehen würde, und dass viel zu viele Leute denken sie könnten das einfach machen aber wenn dann muss man das schon gut machen.

Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er Drag macht: Nein. Ob er Drag Queens*Kings kennt: Nein.

Er fand mich auch viel zu klein und schmal dafür, dass ich versucht habe eine Karikatur von einem cishetero Mann zu sein. Ich hätte mir insgesamt nicht genug Mühe gegeben, er sieht da kein „commitment“ und das findet er blöd.

Das ging eine ganze Weile so, er hat mich auch kaum was dazu sagen lassen.

Jetzt meine Perspektive:

Grundsätzlich finde ich Kritik und Austausch wichtig, und sein erster Hinweis bzw. seine Frage war okay. Aber. Was war das denn dann alles für eine komische Raum-und-Perspektive-einnehm-Aktion. Warum kann er entscheiden, wer „gut genug“ für Drag ist? Warum denkt er, er kann mir erklären wie „richtiger“ Drag geht, ohne selbst Ahnung davon zu haben? Sein Beispiel dafür, wie „committed“ mensch sein sollte, war Olivia Jones, also eine langjährige, professionelle Drag Queen. Als Messlatte für ein Halloweenkostüm auf einer Hausparty. Und warum geht er fest davon aus, ohne mich zu kennen oder mich zu fragen, dass ich keine Ahnung von Drag habe? Seine Perspektive hat Drag als sein Fachgebiet dargestellt, es nur auf Leistung bezogen und einen Wettbewerb daraus gemacht. Danach geht es nicht um eine Message, sondern um ein Kostüm das ihn zu beeindrucken hat.

Er hat das Gespräch gestartet, als wollte er mich und mein Kostüm verstehen, aber dann wollte er nicht zuhören, sondern sich nur inszenieren. Als Experte, der dem dummen Mädchen, das denkt es könne mit ihren 1,58 einen Mann darstellen, mal die Welt erklärt. Und das war wieder so eine richtige cishetero Mann Aktion.

Mansplaining mit dem Deckmantel, dass es ihm ja sogar um Geschlechtersensibilität geht, dass er sich nur einmischt, weil er sich für marginalisierte Menschen einsetzt.

Aber sorry, zu sagen er dachte ich will eine trans* Person darstellen weil ich nicht „gut genug“ für Drag bin (was ich nur als Halloween-Kostüm auch schon schwierig gefunden hätte), finde ich ziemlich offensive. Und überhaupt hauptsächlich für Menschen zu sprechen, mit denen er sich offensichtlich wenig befasst hat und das auch eigentlich nur zu nutzen, um sich in den Mittelpunkt zu stellen. Dass er denkt, die Art so über bzw. mit Menschen zu reden, wäre okay, ist ein männliches Sozialisationsphänomen. Das heißt nicht, dass alle Cismänner so sind, aber dass sie tendenziell eher so sozialisiert werden, dass dieses Verhalten okay ist.

Wenn ihr cismännlich seid, bitte hinterfragt euch. Für wen sprecht ihr? Hört ihr auch zu? Wie bringt ihr eure Meinung und Perspektive ein? Ist die gerade gefragt? Und bitte nehmt nicht einfach an, ihr wüsstet zu einem Thema auf jeden Fall mehr als eine Person, die ihr als weiblich lest, wenn ihr sonst nichts über sie wisst. Danke.

PS: Wenn ihr mein Kostüm auch schwierig findet, schreibt mir gerne. Es wäre mir wichtig, das zu reflektieren. Nur seine Perspektive konnte ich aufgrund von allem was dann kam nicht ernst nehmen.

Die Autorin de.construct könnt ihr über instagram.com/de.construct_ und ihren Blog deconstruct.home.blog finden.


Anmerkung aus dem Glossar von kritische-maennlichkeit.de:

Was ist Mansplaining?

Mansplaining, so heißt das Phänomen (zusammengesetzt aus den Wörtern man und explaining) in dem ein Mann einer Frau* gegen ihren Willen und/oder auf eine besserwisserische Art und Weise etwas erklärt. Übersetzt wird es manchmal mit herrklären. Der Mann geht dabei in der Regel davon aus, dass er sich besser auskennt, als die Frau, was natürlich nicht unbedingt der Fall sein muss. Davon unabhängig ist er meistens nicht daran interessiert, was die Frau zu dem Thema weiß, so dass es sich nicht um einen (Wissens-) Austausch handelt.

Mansplaining beschreibt ein patriarchales Phänomen. Männer haben – insbesondere historisch betrachtet – eine gesellschaftliche Deutungshoheit. Beispielsweise waren früher so gut wie alle Professor*innen, Journalist*innen und Politiker*innen Männer (und heute sind es die meisten). Daher haben wir (Männer) uns daran gewöhnt, die Meinungen von Männern ernster zu nehmen, als die von Frauen* bzw. Personen, die als Frau* gelesen werden. Dazu kommt, dass Männern eher ein durchsetzungsstarkes, wettbewerbsorientierteres Redeverhalten ansozialisiert wird. Und dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen* nicht nur objektifiziert und sexualisiert, sondern eben auch infantilisiert (Duden: geistig unselbstständig gemacht; bevormundet) werden. Daher gibt es kein Mansplaining von Frauen* gegenüber Männern, selbst wenn eine Frau* einem Mann etwas gegen seinen Willen (und/oder als wäre man blöd) erklärt.

Mansplaining wird von vielen Männern als eine Beleidigung empfunden. Ich rate davon ab, sich über solche Kampfbegriffe zu ärgern. Stattdessen kann der Begriff zur Sensibilisierung zu (eigenem) männlichen Rede- und (nicht) Zuhör-Verhalten verwendet werden. Diese gesellschaftliche Machtungleichheit in der Kommunikation zwischen Männern und Frauen*, fällt einem als Mann nämlich nicht unbedingt auf. Und die Frage, wem gehören welche Räume, ist eine wichtige feministische Frage, was wohl die Beliebtheit der Begriffe Mansplaining und Manspreading erklärt.

Liebe Grüße
Euer Mansplainer
Janosch


Bild: via WikimediaCommons, Lauriepinkham, Drag Kings, All the Kings Men Drag King Performance Troupe, 2006, no copy right restrictions.


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Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit.

2 Kommentare zu “Mansplaining zu Gendersensibilität?”

  1. Ich will ganz ehrlich sein: Ich finde das Kostüm schrecklich. Mir ist bewusst, dass es ja gerade einen schlimmen Personentyp darstellen und kritisch hinterfragen soll (Wobei, wo liegt hier eigentlich das Hinterfragen? Ist das nicht bloß Reproduzieren, sich genau in der Aufmachung hinzustellen?), aber als Person, die von so einem schonmal belästigt wurde, fühlt sich der Anblick extrem triggernd an. Ich hätte vermutlich direkt die Feier wieder verlassen und die Person in der Aufmachung wäre mir als totaler Unsympath im Kopf geblieben. Abend wär ruiniert gewesen. Sorry für die harten Worte, aber mich widert es extremst an, grad der Text auf dem Schild. Mal als Vergleich, wenn das auch noch heftiger wäre: Man verkleidet sich ja auch nicht als V*rgew*ltiger, oder?

    1. de.construct hat mich gebeten diese Antwort zu posten:
      Hallo Sylke,
      danke für deine ehrlichen Gedanken dazu.
      Ich kann das verstehen und es tut mir Leid, dass ich diese Gefühle bei dir ausgelöst habe.
      Ich habe mich für dieses Kostüm entschieden, weil ich selber auch schon mehrmals von Typen,
      die dieses Verhalten auf Festivals hatten, belästigt wurde. In diesen Momenten habe ich mich ohnmächtig gefühlt und oft einfach nicht oder nur verhältnismäßig „nett“ reagiert, um weitere Konfrontation zu vermeiden.
      Im Nachhinein stört mich das, obwohl das natürlich eine berechtigte und vor allem schwer loszuwerdende, verinnerlichte Strategie ist. Die Halloweenparty war in der Wohnung eines guten Freundes und es waren hautpsächlich Menschen da, die ich kenne und die mich kennen und die zum Teil in solchen Momenten dabei waren. Ich habe mich sicher gefühlt, wusste, dass die anderen verstehen werden, worauf ich hinaus will, und wollte einfach diese Erfahrungen thematisieren und nicht so passiv und still verarbeiten (was aber auch völlig okay ist, um damit umzugehen, wenn sich das richtig anfühlt). Dazu kommt, dass ich mich, da ich ziemlich klein und schmal bin und weiblich gelesen werde, nicht damit auseinander gesetzt habe, ob ich auf jemanden bedrohlich wirken könnte. Dass natürlich allein das Bild unschöne Erinnerungen hochholt, habe ich offensichtlich nicht genügend bedacht.
      Der Text auf dem Schild war als direkte Kopie von Schildern gedacht, mit denen ich auch so konfrontiert war.
      Die Kritik und das Hinterfragen lag für mich daran, dass es Halloween war, also ein Tag, an dem sich Menschen als „Gruseliges“ verkleiden. Im Text erwähne ich auch, dass ich damit dieses Verhalten als gruselig und falsch darstellen wollte. Für mich gibt es tatsächlich wenig, was mir mehr Angst macht, als Belästigung durch Männer. Aber natürlich liegt da auch das Problem, dass du damit thematisierst, und das sehe ich ein.
      Wichtig ist vielleicht auch, dass ich mich natürlich an dem Abend nicht so verhalten habe, wie „diese Typen“ auf Festivals. Mit meinen besten Freundinnen, die alle ähnliche Erfahrungen haben, habe ich mich über dieses Verhalten ausgetauscht und zum Teil darüber gelacht, aber ansonsten habe ich nichts in der Richtung gesagt oder getan.
      An dem Abend hatte ich auch Gespräche mit Männern wegen meines Kostüms, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Thematisierung relevant war und für sie auch etwas im Bewusstsein darüber verändert hat.
      Trotzdem habe ich andere Personen, die auch Belästigung erfahren haben und mich nicht kennen, wahrscheinlich nicht genügend bedacht. Danke für den Hinweis.

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