Redebeitrag zur Demo gegen den „Marsch für das Leben“

Im Umgang mit Schwangerschaften und deren Verhinderung können Männer aus pro_feministischer Sicht noch einiges verbessern. Hier einige Hinweise was wir besser machen können.

Leider denken viel zu viele Männer, dass Feminismus keine Berechtigung mehr hätte, da Gleichberechtigung der Geschlechter schon erreicht sei. Dass dem leider nicht so ist, zeigt sich nicht nur am Umgang mit Verhütung, Schwangerschaften und Elternschaft / Vaterschaft vieler Männer. Es wird auch daran deutlich, dass feministische Errungenschaften, wie der Schwangerschaftsabbruch (Recht auf Abtreibungen) unter Druck geraten. In dem Redebeitrag werden einige Konsequenzen für Männer deutlich, die Gleichberechtigung anstreben.

Der Redebeitrag wurde anlässlich einer Demo gegen einen Aufmarsch sogenannter „Lebenesschützer*innen“ gehalten, welcher von der LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V. am 25.05.2019 in Annaberg Buchholz zu hören war und der hier als Gastbeitrag zu lesen ist.

Das sogenannte „Lebensschützer*innen“ und andere Antifeminist*innen in Europa sogenannte „Märsche für das Leben“ organisieren, um das Recht auf sichere Schwangerschaftsabbrüche einzuschränken ist traurige Realität.

Genauso ist es traurige Realität, dass auf den Demos für sexuelle Selbstbestimmung kaum Männer auftauchen und viele Personen mit Uterus (die also schwanger werden können) bei Themen wie Verhütung, Schwangerschaft, Abtreibung und Elternschaft sich nicht auf die Unterstützung von Männern verlassen können.

Der Redebeitrag ist hier genau so zu lesen, wie er am 25.05.2019 in Annaberg Buchholz gehalten wurde (bzw. uns in Textform zugeschickt wurde):

Redebeitrag zur Demo gegen den „Marsch für das Leben“

Die LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein im Tätigkeitsfeld der Jugendhilfe und Gleichstellungsarbeit. Sie beschäftigt sich mit Themen rund um „Männlichkeiten“ in Bezug auf Jungen* und Männer* innerhalb der Erwachsenenbildung. Wer mehr über unsere Arbeit wissen mag, kann sich unter www.juma-sachsen.de informieren. Warum stehen wir heute hier?

Wir werden nicht die Forderungen von Frauen* wiederholen und uns aneignen. Wir wollen nicht erzählen, welche Problematiken für Frauen* in dieser Debatte liegen, denn das können sie selbst am besten. Wir möchten gerne eine eigene Perspektive auf Schwangerschaft und Abtreibung entwickeln und somit diesem wichtigen Thema einen Beitrag aus der Sicht männlich Sozialisierter hinzufügen. Wir stellen uns die Frage, wo stehen Jungen* und Männer* in der Verantwortung beim Thema Verhütung, Schwangerschaft und somit auch Abtreibung?

Und: Wer sind die Jungen* und Männer*, von denen wir sprechen?

Zunächst liegt es nahe, Jungen* und Männer* als potenziell nicht von direkter Schwangerschaft Betroffene anzusehen – das ist schlichtweg falsch. Jungen* und Männer* sind all jene, die sich selbst so identifizieren. Deshalb können auch Trans*männer und sich männlich identifizierende Inter*personen schwanger werden – und somit direkt Betroffene von Abbrüchen sein. Ein Großteil der Jungen* und Männer* sind aber indirekt betroffen – als Mitverursacher der Schwangerschaft. Nicht selbst schwanger sein zu können und nicht selbst abtreiben zu müssen, ist ein Privileg.

Auch Männer* haben mit Schwangerschaften zu tun und sind mit für Schwangerschaften verantwortlich! Was bedeutet es aus unserer Sicht, diese Verantwortung ernst zu nehmen? Auf jeden Fall nicht, ÜBER Schwangere und deren Körper zu befinden: Und trotzdem entscheiden weiße Männer* durch Gesetze wie den §§ 218 und 219a, aber auch in ihren Beziehungen, über Abtreibung.

Deswegen wenden wir uns mit folgenden Forderungen an alle Jungen* und Männer:
  • Setzt euch mit Verhütung auseinander! Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass deine Partnerin* die Pille nimmt. Alle am Sex beteiligten Menschen sind für Verhütung verantwortlich. Also informiert euch und übernehmt Verantwortung.
  • Beteiligt euch finanziell an den Kosten der Verhütung! Nicht nur Kondome, sondern auch die Pille ist nicht in jedem Fall kostenfrei! Informiert euch über die Möglichkeit einer Vasektomie! (Sterilisation)
  • Die Anti-Baby-Pille hat enorme Auswirkungen auf den Körper, und dies nicht nur für die Zeit der Nutzung. Animiere in sexuellen Beziehungen dazu, offen über Verhütung, eure Wünsche und Ängste zu sprechen.
  • Reflektiere deine Privilegien: die Abtreibung wird zumeist nicht an dir vorgenommen. Nur allzu leicht passiert es deshalb, dass verantwortungsloser bzw. „lockerer“ mit dem Thema Verhütung und Schwangerschaft umgegangen wird.
  • Sexuell miteinander zu sein bedeutet auch, über Verhütung und (ungewollte) Schwangerschaften sprechen zu müssen. Wenn eure Bedürfnisse ernst genommen werden, wird die Chance, dass es zu ungewollten Schwangerschaften oder Schwangerschaftsabbrüchen kommt, deutlich kleiner.
  • Kommt es zu ungewollter Schwangerschaft und besteht auch nach längerer Auseinandersetzung Uneinigkeit darüber, ob der Embryo zum Kind werden soll, sollte klar sein, dass die letzte Entscheidung die Person trifft, die schwanger ist.
Solltet Ihr euch gemeinsam für eine Elternschaft entscheiden, bedeutet das für euch:
  • Elternschaft ist eine gemeinsame lebenslange Verantwortung, die gemeinsam zum Wohle des Kindes ausgestaltet werden muss!
  • Für Väter* bedeutet das nicht nur finanzielle Verantwortung, sondern auch die gleichberechtigte Übernahme von Care-Tätigkeiten, die Bereitschaft Elternzeit zu nehmen und in Teilzeit zu gehen
Für die Arbeit mit Jungen* und Männern* bedeuten dies:
  • Aufklärung mit Jungen* muss über das Wissen des eigenen Körpers hinaus gehen und das Wissen um weibliche Körper und biologische Varianzen selbstverständlich einschließen.
  • Sexuelle Bildung rund um Verhütung, Schwangerschaft und Abbrüche muss sich immer im Kontext männlicher Mitverantwortlichkeit bewegen
  • Sexuelle Bildung muss zu respektvollen und verantwortlichen Beziehungsmodellen animieren und hierin auch Jungen* und Männer* stärken
  • Jungen– und Männerarbeit muss Selbstkonzepte von Männlichkeit* stärken, die sich auf Reflektion, Empathie und Zuhören gründen.
  • Jungen– und Männerarbeit muss die Reflektion männlicher Privilegien unterstützen.

Wir wirken gemeinsam mit anderen auf eine gesellschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter hin, die diesen Namen verdient. Wir erklären uns mit den Forderungen des Bündnisses „Pro Choice Sachsen“ solidarisch. In diesem Sinne:

Abtreibungen legalisieren! Whose body – whose choice!

Anmerkungen zu Privileg nicht ungewollt schwanger werden zu können und zur Pille

Der pro_feministischen Selbstkontrolle dieses Blogs war es wichtig hinzuzufügen:

  • Dass es definitiv kein Privileg ist nicht schwanger werden zu können. Die weibliche* Fähigkeit neues Leben in die Welt zu bringen sollte vielmehr als etwas wundervolles betrachtet werden (anstatt weibliche Fähigkeiten weiter abzuwerten, wie es im patriarchalen System passiert). Es ist natürlich als Privileg zu verstehen, nicht ungewollt schwanger werden zu können.
  • Bezüglich der Pille bleibt noch anzumerken, dass neben dem Geld auch ein erheblicher Orgaaufwand für die Einnahme zu betreiben ist. Männliche Unterstützung beim Abholen des Rezepts bei der Gynäkologin* mit der Versichertenkarte der Partnerin* bzw. beim Gang zur Apotheke sind ebenfalls eine Möglichkeit. Die Pille wird angesichts der Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen (und da die Konsequenzen meistens von der Person mit Uterus getragen werden) von machen Frauen auch gerne zusätzlich zum Kondom verwendet. Also kümmert Euch mindestens um die Kondome!
  • Hier noch eine Lesempfehlung zum Thema.

LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen e. V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen* und Männern*. Wir setzen uns ein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und das Sichtbarmachen unterschiedlicher Männlichkeiten. Zu den zentralen Aufgaben gehören Vernetzung und Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteur*innen, Durchführung von Projekten und Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Fach- und Politikberatung sowie Gremienarbeit im Interesse der Geschlechtergerechtigkeit.


Bild: Via WikimediaCommons, Autor*in:  Turris Davidica, Lizens: CC BY-SA 3.0. (Beschreibung: Marsch für das Leben 2012 in Berlin)


Die fünf neusten Beiträge:

Dies ist ein pro-feministischer Blog, der sich mit Themen der Männlichkeit und darüber hinaus auseinandersetzt. Wenn Du zum ersten mal hier bist, lohnen sich vielleicht diese zwei Texte: Was ist kritische Männlichkeit? und Herangehensweise an kritische Männlichkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.